28.07.2010
Von: Sibylle Sterzik

Berlin-Lichtenrade: Großgemeinde am Stadtrand

Foto: Thilo Haack, Roland Wieloch, Martina Weber und Katrin Rudolph.

Sie sind die Größten. Keine Gemeinde der Landeskirche hat mehr Gemeindeglieder: 15 000 gehören zur Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade.
Viel getauft wird dort. Deshalb feiert die Gemeinde einmal im Monat einen großen Taufgottesdienst in der Dorfkirche, dem wichtigsten Identifikationsort. „Tauffeste gab es hier schon immer“, sagt Pfarrer Wieloch schmunzelnd. Er, Martina Weber (33) und Thilo Haak (47) gehören zum Lichtenrader Pfarrerteam. Es wird noch durch eine Pfarrerin im Entsendungsdienst verstärkt. Bis Ende Juli ist das Katrin Rudolph. Für sie kommt im September Juliane Göwecke.
Nachdem die Gemeinde in den 1960er Jahren stark gewachsen war, in den 70ern zwei weitere Gemeindezentren gebaut wurden, hatte sie sich in vier Bereiche aufgeteilt, die bisweilen ein sehr eigenes Gemeindeleben führten.

Der Prozess ist schwierig

2005 wurden die Bereiche aufgelöst, das Gemeindezentrum in der Finchleystraße aufgegeben. Das Gebäude wurde an einen freien Träger verpachtet, der dort ein Nachbarschafts- und Familienzentrum gründete. Gottesdienste finden dort noch statt. Das Pfarrerteam verkleinerte sich auf vier Theologen. Diese legen jetzt großen Wert darauf, dass Lichtenrade eine Großgemeinde ist. Der Prozess war schwierig und dauert noch an.
Dass die Gemeinde von den guten alten volkskirchlichen Zeiten Abschied nehmen musste, empfinden viele bis heute als schmerzlich. „Man muss jetzt innerhalb der Gemeinde schon suchen, um das Passende für sich zu finden, es gibt nicht mehr alles an jedem Standort“, sagt Katrin Rudolph. Für Familiengottesdienste, die regelrecht boomen, ist die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche an jedem letzten Sonntag im Monat der richtige Ort. Konfirmandenunterricht wird überall angeboten. Etwa 90 Jugendliche werden jedes Jahr konfirmiert, sagt Haack.
Ohne Ehrenamtliche sei die viele Arbeit in der Großgemeinde nicht zu leisten, sagt Martina Weber. „Wir können ihnen wirklich etwas anvertrauen.“ Ab September auch einen Teil der Geschäftsführung. Um die Pfarrer von Verwaltungsaufgaben zu entlasten, wird ein ehrenamtlicher Kirchmeister für Bau eingeführt. Weitere für Finanzen und Personal werden noch gesucht „Natürlich müssen wir Pfarrer trotzdem informiert sein, aber ich kann mich jetzt mehr um die Betreuung der sieben Pflegeeinrichtungen in Lichtenrade kümmern“, sagt Thilo Haak.

Im Alltagsgeschäft untergegangen

Die Initiative dazu ging auch von einer Gemeindegruppe aus, die mehr von dem umsetzen möchte, was im Perspektivprogramm „Salz der Erde“ steht. Zum Beispiel, dass die Pfarrer sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, besondere Gottesdienste mit verschiedenen Zielgruppen zu alternativen Zeiten feiern und sich gezielt um die Bindung von Menschen an die Gemeinde kümmern. Ideen dafür habe es gegeben, doch die seien im Alltagsgeschäft untergegangen, sagt Gemeindeglied Georg Wagener-Lohse (52). So bleibe das 2001 beschlossene Leitbild unbeachtet. Das enttäuschte ihn so, dass er den Gemeindekirchenrat verließ. „Es gibt kein Konzept, wie wir Gemeinde als spirituelle Gemeinschaft von Christen entwickeln“, sagt er. „15000 Gemeindeglieder bieten ein großes Feld, nach zeitgemäßen Formen für eine Nachfolge Jesu in unserer Gesellschaft zu suchen.“
„Jede Sekunde, die ein Pfarrer mit Verwaltung verbringt, fehlt für den Gemeindeaufbau“, findet auch Bernd Schlenker (68) vom GKR. Uwe Sylvester (40), ebenfalls Ältester, räumt aber ein, dass sich in letzter Zeit schon viel bewegt habe. „Ich hoffe, dass wir weiter an Fahrt aufnehmen.“ Fördern soll das jetzt auch ein Gemeindetag im Herbst zu neuen Formen von Gottesdiensten und Liturgie.

Nicht nur Einfamilienhäuser

Lichtenrade hat keineswegs nur Einfamilienhäuser. Auch zwei Hochhaussiedlungen sind hier zu finden. „Hier leben bitterarme Leute und solche, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld und alles dazwischen – Kleinbürger mit Scholle und Hartz IV-Empfänger in den sozialen Brennpunkten“, sagt Martina Weber. Die sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit nimmt darum viel Platz ein. Im Kinder- und Jugendhaus verbringen Kinder Freizeit oder Ferien, spielen, machen Hausaufgaben. Für Eltern gibt es ein Café. „Wir wollen die Kinder dabei unterstützen, sozial lebensfähig zu werden“, so Wieloch. Auch zwei Eltern-Kind-Gruppen hat die Gemeinde sowie eine Halbtags- und eine Ganztags-Kindertagesstätte mit über 100 Plätzen.

Es geht nicht allein

Ein Team von 60 Ehrenamtlichen organisiert in der Kapelle in der Finchleystraße die Laib-und-Seele-Ausgabestelle. Im Herbst feiert sie 5-jähriges Bestehen. 130 Haushalte werden versorgt, sagt Katrin Rudolph. Jede Ausgabe beginnt mit einer Andacht, auch Bedürftige nehmen daran teil. Im Haus gibt es einen Jugendkeller. Die Gemeinde stellt die Räume, das „Nachbarschafts- und Selbsthilfe Zentrum“ der ufafabrik e.V. trägt die offene Jugendarbeit und das Bezirksamt gibt Geld dazu. Eine gelungene Kooperation. Nicht die einzige der Gemeinde.
Auch mit der Käthe-Kollwitz-Grundschule arbeitet die Gemeinde zusammen. Sie stellt 40 Hortplätze für Schüler bis zur 4. Klasse. „So haben wir Kontakt zu Kindern, die nicht mehr in der Kita sind“, sagt Wieloch. Und fügt hinzu: „Jeder sieht, dass es nicht allein geht, wir brauchen eine Lastenteilung.“